von Annette Schwindt
Meine erste eigene Wohnung befand sich in einem ehemaligen Kloster, in dem sich über die Jahrhunderte einiges abgespielt hatte, bis es schließlich zu einem Mietshaus umfunktioniert worden war. Im Erdgeschoß befand sich außerdem eine Cocktailbar. In den Wohnungen lebten zum größten Teil Singles. Da man sich nicht nur im Treppenhaus, sondern auch immer wieder unten in der Bar begegnete, bildete sich so ein richtiger Freundeskreis heraus. Dass zwei davon mehr als nur Freunde von mir sein wollten, wurde mir erst später bewusst…
Einer davon war Dieter, den ich während meiner Arbeit bei der Zeitung kennengelernt hatte. Er gab mir den Tipp, dass in seinem Haus eine Wohnung frei geworden war und kam mich fortan regelmäßig besuchen. Er wohnte ja nur am anderen Ende des U-förmigen Gebäudes, das allerdings in Haupt- und Hinterhaus unterteilt war. Dieter wohnte im Hinterhaus, zwei Wohnungen neben Harald, dem Schwaben. Harald versuchte sich selbständig zu machen und war immer im Stress. Von meiner Wohnung aus konnte ich über den Hof direkt in seine schauen. So wussten wir immer, wann der andere zuhause war. Als ich dann aber Vorhänge an meinen Fenster anbrachte, fragte er ganz beleidigt: "Was soll jetzert des? Hasch Du Gähaimnissä vor mir?".
An meinem Geburtstag kamen Dieter und Harald natürlich auch vorbei. Während sich Dieter aber irgendwann verabschiedete, tat sich Harald zunächst an meinem Single Malt gütlich und rollte sich schließlich spätabends auf meiner Couch zusammen. "Bloß ä bisslä schlafa", murmelte er und ließ sich nicht dazu bewegen, in seine eigene Wohnung rüber zu gehen. "Komm, singmor ä Schlaaflied", bettelte er stattdessen, als es bereits auf Mitternacht zuging. In der Hoffnung, den Schwaben baldmöglichst ins Land der Träume zu schicken, damit ich endlich selbst ins Bett gehen konnte, stimmte ich "Au clair de la lune" an. Nach der zweiten Strophe schien der gewünschte Effekt eingetreten zu sein. Harald lag friedlich mit meiner Plüschente Albert im Arm da und gab keinen Ton mehr von sich. Doch als ich gerade aufstehen wollte, öffnete er ein Auge und bat: "Sing weidor, biddä". Also sang ich weiter und aus dem einen Lied wurden zwei, drei, zehn und ich weiß nicht mehr wieviele, denn jedesmal, wenn ich in mein Bett verschwinden wollte, jammerte der Schwabe auf meiner Couch: "Net fortgäh! Sing doch weidor, Du singschd soooo schööön"… Ich glaube, letztendlich kam ich so gegen halb vier ins Bett und als ich am nächsten Morgen aufwachte, saß meine Ente Albert wieder allein auf der Couch.
Dieter indessen hatte wohl nach seiner Heimkehr das Licht in meinem Fenster und die Hintertür des Haupthauses, aus der kein Harald kommen wollte, im Blick behalten. Jedenfalls war er in den folgenden Tagen äußert einsilbig. Aber es sollte noch schlimmer für ihn kommen...
Einige Wochen später besuchte mich meine beste Freundin. Wir hatten gerade gekocht und wollten essen, als es an meiner Tür klopfte. Es war Dieter, der sich unversehens - "oh, lecker, Spaghetti!" – an meinen Esstisch setzte und unserem geplanten Frauenabend ein jähes Ende bereitete. Auch als wir ihm sagten, dass Männer heute nicht erwünscht seien, beeindruckte ihn das wenig. Er sei ja nur ein Nachbar, grinste er. Aber ein Mann für zwei Frauen war ja nun auch blöd, also rief ich bei Harald an und fragte, ob er unsere Runde nicht komplett machen wollte. Sehr zu Dieters Verdruss erschien der Schwabe auch sogleich und machte sich ebenfalls freudig über unser Essen her. Soviel zum Thema Frauenabend…
Nach dem Essen machte sich Harald wieder auf die Suche nach meinem Single Malt und nahm ihn schließlich auch mit ins Bad, an dessen Fenster er eine Zigarette rauchen wollte. Es war inzwischen dunkel geworden, meine Freundin, Dieter und ich spülten ab und räumten das Geschirr weg. Als wir fertig waren, war Harald noch immer nicht aus dem Bad zurück, stattdessen ertönte von drinnen ein ständiges Plätschern. Vorsichtig klopfte ich an, um zu sehen ob alles in Ordnung war. "Kannsch ruhig komme", schwäbelte es mir von drinnen entgegen, und als ich die Tür öffnete, fand ich einen sich gerade entkleidenden Harald vor, der Wasser in meine Badewanne einlaufen ließ. Statt das Licht anzumachen, hatte er ein paar Teelichter mit ins Bad genommen, die er jetzt im Bad verteilt hatte. Auf dem Rand der Wanne stand sein Whiskyglas, gleich neben der sich nun langsam leerenden Flasche. "Ih gäh jetz badä!", verkündete er entschlossen, entledigte sich seiner Unterhose und stieg ins Wasser.
Die anderen hatten hinter mir vermutlich ebenso verdutzt reagiert wie ich. Doch als ich die Tür leise wieder zu machte, um mich mit ihnen zu beratschlagen, was ich denn jetzt tun könnte, meinte meine Freundin nur verschmitzt: "Na die Gelegenheit kannst Du Dir ja wohl nicht entgehen lassen!" und schickte sich an, nach Hause zu fahren. Dieter hingegen fand das Ganze gar nicht komisch und versuchte uns beide zu überreden, doch einfach mit rüber zu ihm zu kommen, bis "der da drin" sich ausgesponnen hätte. Ich wollte Harald jedoch nicht allein in meiner Wohnung lassen und meine Freundin wollte lieber nach Hause. Also musste Dieter wieder allein zur Hintertür raus, nicht ohne mir zu sagen, dass ich ihn rufen solle, falls "der da drin" Probleme machte.
Als beide weg waren, lugte ich noch einmal ins Badezimmer, wo Harald sich pudelwohl fühlte. "Magsch net au in Wassor kommä?", fragte er ganz unschuldig, woraufhin ich dachte: Ja, verdammt! Das sind MEINE Wanne, MEIN Sinlge Malt und MEINE Kerzen!" Also schlüpfte ich kurzerhand mit in die Wanne und genoß die wohlige Wärme.
Die war jedoch leider nicht von langer Dauer, das Wasser kühlte zusehends ab, und aus dem altersschwachen Boiler war einfach kein Tropfen warmes Wasser mehr zu kriegen. "Immor loggor", beruhigte mich Harald, "Ih weiß was!" und schwupps war er aus der Wanne und eilte nackend und tropfend in die Küche nebenan, wo er mit einem Topf und dem Wasserkocher für Nachschub sorgte. Nach kurzer Zeit musste die Prozedur allerdings wiederholt werden und wieder sprang Harald ritterlich aus der Wanne. Kurz darauf gab es einen Riesenrumms in der Küche und ein aus vollem Herzen kommendes "Schaißäää" war zu hören. Ich stieg aus der Wanne und fand auf dem Küchenboden den triefnassen nackigen Schwaben liegen und um ihn herum die Einzelteile meines Wasserkochers. "Mer sollt halt net mit nassä Füß uff dem Peefauzee rumränna", kicherte der zum Glück unverletzt gebliebene Harald.
Nachdem er sich abgetrocknet hatte und wir die Scherben beseitigt hatten, marschierte er schnurstracks in mein Schlafzimmer, wo er den Badeabend in einer Liebesnacht weiterzuführen gedachte. Reichlich beschwipst wie wir bereits waren ging ich darauf ein. Aber wer jetzt Romantik erwartet, den muss ich leider enttäuschen.
"Ih kanns bloß wann ich gfässält bin", verkündete Harald und fragte, ob ich denn Handschellen hätte, um ihn an mein Bett Modell Tromsnes von Ikea zu ketten! Die hatte ich natürlich nicht, was er kopfschüttelnd zur Kenntnis nahm und sich auf die Suche nach Plan B machte, wobei er mir noch die Klinke meiner Schlafzimmertür abbrach. Mit einer Rolle Klettband ausgerüstet kam er schließlich aus dem Wohnzimmer zurück. Doch das löste bei mir derartige Heiterkeit aus, dass an Sex nicht mehr zu denken war. Erschöpft schliefen wir endlich ein. Besonders viel Schlaf bekam ich allerdings nicht, da mein Bettgenosse auch im Traum zu schwäbeln anfing: "Heidäraa!", fluchte er mitten in der Nacht, "des sich jetzert aba... Ha NOOI!" …
Am folgenden Morgen erwachte ich reichlich übernächtigt von einem Klopfen an meiner Tür. Verschlafen zog ich mir etwas über und öffnete. Draußen stand Dieter, der mir eine Tüte entgegenhielt und "Croissants!" jubelnd an mir vorbei wollte. Als ich ihn "pschschscht" zischend zurück hielt, fauchte er nur "Ist DER etwa IMMER NOCH da?!" und rauschte ohne eine Antwort abzuwarten davon. Kaum hatte ich die Tür zugemacht, kam Harald im Adamskostüm aus dem Schlafzimmer und wütete: "War des jetz dor Diedor?", sprang in seine Hose, nahm seine restlichen Klamotten und rauschte ebenfalls ab. Nach diesem für meine Begriffe deutlich zu lauten Start in den Tag, ging ich erstmal ins Bad und wollte gerade frühstücken, als meine inzwischen heimgekehrte Freundin anrief, um sich zu erkundigen, wie es denn mit dem "Badewannenschwaben" weitergegangen sei.
Ich hatte sie kaum auf den neuesten Stand gebracht, da klopfte es wieder an meiner Tür. "Diesmal hab ich auch Kaffeestückchen dabei", frohlockte Dieter, der offensichtlich den nur halbbekleideten Harald aus der Hintertür hatte stolpern sehen und nun endlich seine Chance gekommen sah. Schwupps, bugsierte er mich auf einen Stuhl und machte mir -"Tee oder Kaffee?" – ein ausgiebiges Frühstück, an dem er natürlich auch teilnahm.
Wir wollten gerade das Geschirr wegräumen, da klingelte das Telefon. Harald… "Du, ih geh
jetzert schnell in’d Schdad un kauf was zum Mittagässä. Magsch du liebor Boloneese odor
Diaawoloo? Weil, ih komm dann, gell, unn koch dr was! Oh, waisch was, ih kauf aifach alle
zwai!", jubelte er und legte auf.
Äh… wie jetzt?
"War das schon wieder DER?", spuckte Dieter Gift und Galle und stürmte aus der Wohnung.
Was war das denn jetzt für ein Film???
Wieder machte ich Ordnung und war gerade fertig, als Harald auftauchte, mich auf einen Stuhl drückte und sich in meiner Küche zu schaffen machte. Bitte, wenn er mich bekochen wollte, warum sollte ich da nein sagen? "Jetzert gibt’s ärschdamol ä guudä Paschdaa!", freute er sich und produzierte dank Fertigsoße im Glas tatsächlich auch ein genießbares Mittagessen.
In den folgenden Wochen gingen die beiden Herren noch öfter bei mir ein und aus, auch wenn ich zu mehr als Freundschaft bei keinem von beiden bereit war. Miteinander gesprochen haben sie seitdem aber nie wieder.

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